Adipositas und Mikronährstoffe
Bereits über 50% der erwachsenen Deutschen haben einen Body-Mass-Index von über 25 kg/ m2 und sind deshalb als übergewichtig einzustufen. Spätestens ab einem BMI von 27 kg/ m2 ist mit negativen Stoffwechselwirkungen und Langzeitkomplikationen zu rechnen. Übergewicht ist ein Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen, z.B. Hypertonie, KHK, Hyperurikämie, Hyperlipidämie, Diabetes mellitus. Gonarthrose etc.
Übergewicht kann nur entstehen, wenn langfristig die Kalorienzufuhr den Kalorienverbrauch übersteigt. Eine Steigerung des Kalorienverbrauchs, z.B. durch mehr Bewegung, und eine Reduzierung der Kalorienzufuhr sind unerlässliche und logisch nachvollziehbare Voraussetzungen für eine Gewichtsreduktion.
Eine äußerst wichtige Rolle für das Zustandekommen des Übergewichts spielt das Insulin. Insulin ist sozusagen ein Masthormon, das den Stoffwechsel auf Fettspeicherung programmiert. Es vermindert die Aktivität der hormonsensitiven Lipase, die für den Abbau von gespeichertem Fett und für den Transport der Fettsäuren aus den Adipozyten verantwortlich ist. Solange Insulin in der Blutbahn vorhanden ist, kann, vereinfacht gesprochen, das Fett nicht mobilisiert werden, es ist eingeschlossen. Bei übergewichtigen Menschen sind die Nüchterninsulinspiegel ständig erhöht. Bei normalgewichtigen Menschen verschwindet Insulin aus der Blutbahn, wenn die Glukosespiegel unter 83 µg/ dl fallen. Bei Übergewichtigen ist dies nicht der Fall.
Das Insulin hält nicht nur die Fettspeicherung aufrecht, sondern stimuliert auch die Bildung von neuem Fett. Es senkt die Carnitinspiegel in der Leber, wodurch der Transport der langkettigen Fettsäuren vermindert ist. Die wichtigste Voraussetzung für eine Gewichtsreduktion ist deshalb der Abbau eines Hyperinsulinismus. Dabei spielt die Nahrungsverteilung über den Tag eine wichtige Rolle. Übergewichtge Menschen nehmen häufig einen Großteil ihrer Kalorien in den Abendstunden zu sich. 1993 wurde eine Studie im „American Journal of Clinical Nutrition” publiziert, in der gezeigt wurde, dass der Zeitpunkt der Kalorienaufnahme eine erhebliche Rolle spielt. Beim „early day eating” werden mehr Kalorien zu Energie verbrannt, Abendmahlzeiten führen hingegen zu einer vermehrten Fettspeicherung. Diese Erkenntnis ist im Grunde sehr alt und spiegelt sich in dem volksheilkundlichen Satz wieder: Man soll frühstücken wie ein König, mittagessen wie ein Bürger und abendessen wie ein Bettelmann.
Auf der 43. Jahrestagung der „American Heart Association” 2003 wurde eine Studie an 2700 Probanden vorgestellt, bei der gezeigt wurde, dass bei einem regelmäßigen Frühstück mit Vollkornprodukten das Risiko für Übergewicht am geringsten ist. Auf jeden Fall sollten abendliche Mahlzeiten nach 18.30 vermieden werden.
Zwei Mikronährstoffe können hilfreich sein bei der Verminderung der Insulinresistenz. Das Spurenelement Chrom kann den Blutglukosespiegel senken, weil es die Insulinsensivität erhöht. Die verminderte Insulinempfindlichkeit bei Übergewichtigen führt dazu, dass Kohlenhydrate nur unzureichend von der Muskulatur aufgenommen und metabolisiert werden, statt dessen wird vermehrt Fett produziert. Von allen Chromverbindungen hat sich das Chrompikolinat als das effektivste erwiesen. Es sollten aber nicht mehr als 600 µg Chrom pro Tag eingenommen werden. Empfehlenswert ist die gleichzeitige Einnahme von Antioxidantien, z.B. Vitamin E, da Chrom unter Umständen auch prooxidative Effekte entfalten kann.
Magnesium ist an mehreren enzymatischen Reaktionen am Kohlenhydratstoffwechsel beteiligt. Ein Mg-Defizit führt zu einer Insulinresistenz und fördert die Entstehung eines metabolischen Syndroms.
Außer Chrom und Magnesium gibt es auch noch andere Mikronährstoffe, die bei der Gewichtsreduktion oder zur Vermeidung Adipositas-bedingter Komplikationen eine Bedeutung haben.
In einer Studie der Universität Ankara, die 2002 publiziert wurde, zeigte sich bei männlichen adipösen Probanden (BMI > 30) signifikant verminderte Zinkkonzentrationen in den Erytrozyten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Außerdem hatten die übergewichtigen Patienten eine signifikant niedrigere Konzentration der CuZn-SODs und der Glutathionperoxidasen. Im gleichen Jahr (2002) erschien eine brasilianischen Studie, in der bei adipösen Kindern und Erwachsenen ebenfalls verminderte Zinkkonzentrationen gemessen wurden.
Die Konzentration des proteingebundenen Malondialdehyds korreliert mit dem BMI, so die Ergebnisse einer deutschen Studie aus dem Jahr 2001. In einer kuwaitischen Arbeit aus dem Jahr 2002 wurde nachgewiesen, dass Übergewicht ein unabhängiger Risikofaktor für Lipidperoxidation ist.
Daraus ergibt sich, dass gerade bei übergewichtigen Menschen auf eine optimale Versorgung mit antioxidativen Mikronährstoffen zu achten ist.
Cystein ist eine schwefelhaltige Aminosäure mit einer freien SH-Gruppe, also eine Thiolverbindung. Cystein ist erforderlich für den Erhalt der Muskelzellmasse und kann einen überhöhten Proteinabbau verhindern. Bei einer Gewichtsreduktion ist ein Proteinabbau in der Regel nicht gewünscht. Ein Cysteinmangel führt zu einer Zunahme des Körperfettanteils zu ungunsten der Muskelmasse. In der Sportmedizin macht man sich den Muskelprotein-erhaltenden Effekt des Cysteins bei Reduktionsdiäten schon länger zunutze.
Im Mai 2004 wurde eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelbergs veröffentlicht, in der bei Patienten mit Übergewicht und Hyperlipidämie verminderte Thiolkonzentrationen im Blutserum festgestellt wurden. Die Ergebnisse dieser Studien legen des Schluss nahe, dass niedrige Thiolkonzentrationen an der Entstehung der Adipositas beteiligt sind. Cystein ist die Ausgangssubstanz für die Bildung von Glutathion, das für den antioxidativen Schutz des Gehirns eine herausragende Rolle spielt. Es gibt Hinweise, dass Störungen der Appetitregulation auch mit einem Antioxidantienmangel im Bereich des Zwischenhirns zu tun haben können.
Carnitin ist ein Transportmolekül für langkettige Fettsäuren, die zur Oxidation von Cytoplasma in die Mitochondrien befördert werden müssen. Ohne Carnitin könnte keine Fettverbrennung stattfinden. Allerdings bewirkt eine Carnitin-Supplementierung alleine noch keine Gewichtsreduktion. Wichtig ist dabei parallel der Abbau eines Hyperinsulinismus, Bewegung sowie eine Kalorieneinschränkung. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V. empfiehlt Abnehmewilligen, die viel Sport treiben, eine Nahrungsergänzung bis 3 g L-Carnitin. In mehreren Studien zeigte die parenterale Applikation von Carnitin einen positiven Effekt auf die Insulin-Sensiblität.
Das Wachstumshormon STH fördert den Fettabbau. Die STH-Konzentration ist bei Übergewichtigen häufig vermindert, besonders wenn eine viszerale Adipositas vorliegt. Verschiedene Aminosäuren können die STH-Sekretion stimulieren. Dazu gehören Arginin, Ornithin, Lysin, Glutamin und Glycin. Da die STH-Sekretion besonders nachts erfolgt, ist die Einnahme der Aminosäuren vor dem Zubettgehen empfehlenswert.
Tryptophan ist die Ausgangssubstanz für die Synthese des Neurotransmitters Serotonin. Ein Serotoninmangel kann zu Heißhunger nach Kohlenhydraten (carbohydrate craving) führen. Dies kann durch eine Tryptophansupplementierung abgeschwächt werden.
Nicht selten ist bei übergewichtigen Menschen eine Erhöhung der Homocysteinkonzentration nachweisbar. Deshalb sollte auf eine ausreichende Zufuhr der Vitamine B6, B12 und Folsäure geachtet werden.
Fazit
Bei einer kalorienreduzierten Ernährung kann es leicht zu Mikronährstoffmängeln kommen, da die Versorgung mit einigen Vitaminen und Spurenelementen selbst bei einer normalen Kost häufig unzureichend ist.
Übergewicht ist nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern beeinträchtigt in mehrfacher Hinsicht die Stoffwechselfunktionen des Menschen.
Deshalb besteht gerade bei Übergewichtigen häufig ein erhöhter Mikronährstoffbedarf.
Die Voraussetzung für eine sinnvolle und erfolgreiche Therapie mit Mikronährstoffen ist eine orthomolekulare Labordiagnostik, weil Mikronährstoffdefizite anders nicht ausreichend erkennbar sind.
