ADHS und Mikronährstoffe
aus „die AKZENTE – Zeitschrift des Bundesverbandes Hyperaktives Kind”, Ausgabe 63 (2004)
Autoren: Dr. med. univ. Anna Maria Groß und Dr. med. Hans-Günter Kugler
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom) ist inzwischen die häufigste psychiatrische Störung im Kindes- und Jugendalter. Allein in den USA ist die Zahl der als behandlungsbedürftig eingestuften Kinder von unter 1 Mio. im Jahr 1995 auf über 10 Mio. im Jahr 2000 angestiegen. In Deutschland rechnet man gegenwärtig mit etwa 170.000 - 350.000 behandlungsbedürftigen Kindern.
Erklärungsmodelle
Es gibt inzwischen eine fast unüberschaubare Zahl von wissenschaftlichen Publikationen zum Thema ADHS. Wo immer Wissenschaftler bisher im Gehirn von ADHS-Patienten geforscht haben, sind sie auch fündig geworden, sei es mit Verfahren der Neuroradiologie, Neurophysiologie und Neurochemie oder der Genetik, Molekularbiologie, Psychologie etc. Jedes Fachgebiet liefert spezifische Ergebnisse. Nach wie vor ist aber unklar, welche Veränderungen am Anfang der Erkrankung vorhanden waren und welche erst später als Folge der Erkrankung aufgetreten sind.
Medikamentöse Behandlung
Das Amphetamin-Derivat Methylphenidat (Ritalin) ist das häufigste zur
Behandlung von ADHS eingesetzte Medikament. Die gängige Annahme ist, dass
Methylphenidat den Rücktransport von Dopamin in die präsynaptische
Endigungen blockiert und sich dieses dadurch im synaptischen Spalt anreichert.
Bei Kindern mit ADHS wird ein zu geringer Dopamin-Spiegel in bestimmten Hirnregionen
vermutet, weil sich mit Hilfe bildgebender Verfahren eine erhöhte Dichte
an Dopamin-Transportern nachweisen lässt.
Diese Dopaminmangel-Hypothese wird durchaus kontrovers diskutiert. Die Befürworter
dieser Hypothese sehen in der therapeutischen Wirksamkeit von Methylphenidat
den Beweis für ihre Richtigkeit.
Neueste tierexperimentielle Studien schließen nicht aus, dass ADHS-Kinder,
die mit diesen Substanzen behandelt werden, Langzeiteffekte in ihren wachsenden
Gehirnen aufweisen könnten. So wurden im Dezember 2003 drei Studien in "Biological
Psychiatry" publiziert.
Der Direktor des "National Institute of Mental Health" bemerkt u.a.
in einem Kommentar, dass diese drei Studien aufzeigen, wie wenig man noch über
die Effekte psychotroper Medikamente auf die Hirnentwicklung wisse.
Einflüsse der Mikronährstoffversorgung
Im August 2003 wurde in der Fachzeitung "Alternative Medicine Review" eine
Studie des Mc Lean Hospital in Belmont/Massachusetts veröffentlicht.
In einer Vergleichsuntersuchung erhielten 10 ADHS-Kinder Methylphenidat, weitere
10 Kinder erhielten ein Nahrungsergänzungsmittel, das aus Vitaminen, Mineralstoffen,
Aminosäuren, essentiellen Fettsäuren, Phospholipiden und Probiotika
bestand. Nach Auswertung der neuro-physiologischen und psychologischen Tests
erwies sich das Nahrungsergänzungsmittel als genauso effektiv in der Behandlung
der ADHS-Symptome wie Methylphenidat.
Das Ergebnis dieser Studie ist nicht überraschend, weil in den letzten Jahren
viele neue Erkenntnisse über den Einfluss der Ernährung und der Mikronährstoffversorgung
auf den Hirnstoffwechsel bekannt wurden. So ist es nachgewiesen, dass der Neurotransmitterstoffwechsel
in hohem Maße von der Verfügbarkeit einzelner Aminosäuren abhängt.
Das Fettsäuremuster der Nahrung wirkt sich nach einigen Wochen auf die Zusammensetzung
der Nervenzellmembranen aus.
Eine Verbesserung der Mikronährstoffversorgung des Gehirns durch Einnahme
eines Vitamin-/ Mineralstoffpräparates hatte einen günstigen Einfluss
auf die Lernfähigkeit, wie zwei amerikanische Studien aus dem Jahr 2002
gezeigt haben.
Bei ADHS-Patienten sind mehrfach Untersuchungen zur Mikronährstoffversorgung
durchgeführt worden; es gibt auch einige Veröffentlichungen über
eine erfolgreiche Therapie von ADHS mit Mikronährstoffen.
Spurenelemente und Mineralstoffe
Eine polnische Arbeitsgruppe konnte bei 116 ADHS-Kindern in 59% der Fälle
verminderte Magnesiumkonzentrationen in den roten Blutkörperchen nachweisen,
in 33,6% der Fälle waren die Serum-Magnesium-Spiegel vermindert. In der
Gruppe der Kinder, die 6 Monate lang Magnesium-Supplemente erhielten, kam es
zu einer deutlichen Verminderung der Hyperaktivität.
In einer unkontrollierten israelischen Studie an 14 ADHS-Jungen zeigte eine Eisensupplementierung
eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik.
Eisen spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung der Neurotransmitter Dopamin
und Serotonin und wird auch für die Synthese der Nervenscheiden benötigt.
In mehreren Untersuchungen wurden verminderte Zinkkonzentrationen bei ADHS-Patienten
gefunden.
Zink ist an der Glutamat- und GABA-vermittelten Signalübertragung im Gehirn
beteiligt. Außerdem ist Zink ein wichtiger Cofaktor im Stoffwechsel der
Fettsäuren und Prostaglandine.
B-Vitamine
Insgesamt wurden nur wenige Studien über die Wirksamkeit von B-Vitaminen bei ADHS publiziert. Derzeit kann davon ausgegangen werden, dass es keinen ADHS-typischen Mangel an einzelnen B-Vitaminen gibt. Im Einzelfall kann aber sicher die Supplementierung eines B-Vitamins notwendig und hilfreich sein; besonders das Vitamin B6 spielt eine herausragende Rolle für die Bildung der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin, GABA und Glutamat.
Aminosäuren
Aminosäuren sind die Ausgangssubstanzen für die Bildung wichtiger
Neurotransmitter, z.B. Dopamin, Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, oder sie
haben im zentralen Nervensystem selbst Neurotransmitterfunktion, z.B. Glutaminsäure
und Glycin. Die Konzentrationen der Aminosäuren im Blutserum und ihr Verhältnis
zueinander haben einen wichtigen Einfluss darauf, wieviele der erforderlichen
Aminosäuren durch die Blut-Hirn-Schranke kommen. Beispielsweise reicht schon
eine tryptophanfreie Mahlzeit für die Verminderung der Serotoninkonzentration
im Gehirn und für eine entsprechende Stimmungsverschlechterung.
In einer japanischen Studie von 1985 ergaben sich Hinweise auf eine Störung
des Tryptophan-Serotonin-Metabolismus bei ADHS-Kindern.
1990 wurden von der Ohio State University bei ADHS-Kindern niedrigere Plasmakonzentrationen
von Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan, Histidin und Isoleucin festgestellt als
bei Kontrollpersonen.
In einer kanadischen Studie, 1991 publiziert, wurden ebenfalls erniedrigte Konzentrationen
von Phenylalanin und Tyrosin bei ADHS-Patienten festgestellt.
2001 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe aus Venzuela, dass bei ADHS-Patienten
im Vergleich zu einer Kontrollgruppe niedrigere Phenylalanin- und Glutamin-Konzentrationen
festgestellt wurden - bei erhöhten Glycin-Konzentrationen.
Die Universität von Kalifornien publizierte 1990 die Ergebnisse einer kleinen
Studie über die Supplementierung von S-Adenosyl-Methionin (SAM) bei erwachsenen
ADHS-Patienten. Bei 75% der Studienteilnehmer wurde eine Besserung der ADHS-Symptomatik
festgestellt. SAM ist eine wichtige Substanz im Neurotransmitterstoffwechsel
und wird für die Synthese von Serotonin und Adrenalin benötigt.
Im Jahr 2003 wurde eine randomisierte Doppelblindstudie aus den Niederlanden
veröffentlicht. Eine Carnitin-Supplementierung führte zu einer signifikanten
Verbesserung der ADHS-Symptomatik bei Schülern.
Fettsäuren
Vor über 20 Jahren wurde bereits die Vermutung geäußert, dass
bei ADHS-Patienten eine Störung des Stoffwechsels der Fettsäuren vorliegen
könnte. Bei vielen ADHS-Kindern wurde ein vermehrtes Durstgefühl und
eine trockene Haut beobachtet. Diese Symptome sind charakteristisch für
einen Mangel an essentiellen Fettsäuren.
In den letzten Jahren wurden mehrfach erniedrigte Konzentrationen von Omega-3-Fettsäuren
bei ADHS-Kindern nachgewiesen.
Allerdings waren die gemessenen Konzentrationen nicht so niedrig, dass von klinischen
Mangelzuständen auszugehen war.
Derzeit ist noch nicht geklärt, inwieweit eine suboptimale Versorgung mit
Omega-3-Fettsäuren mit der ADHS-Symptomatik zusammenhängt. Sicher ist,
dass DHA und EPA eine wichtige Rolle bei der Hirnentwickung spielen. Die Ergebnisse
einer Supplementierung bei ADHS-Kindern sind nicht einheitlich. In einer amerikanischen
Studie, die 2001 publiziert wurde, konnte durch eine viermonatige Supplementierung
von DHA keine Verbesserung der ADHS-Symptomatik erreicht werden.
In einer britischen Studie aus dem Jahr 2002 zeigte sich durch eine Supplementierung
der hoch ungesättigten Fettsäuren DHA, EPA und GLA eine signifikante
Verbesserung der ADHS-Symptomatik anhand der Testkriterien.
Phospholipide wie Phosphatidylserin und Lecithin können bei Lernstörungen
hilfreich sein.
Fazit
Aufgrund der vorhandenen Daten kann nicht davon ausgegangen werden, dass bei
ADHS-Patienten ein krankheitsspezifisches Muster an Mikronährstoffdefiziten
vorliegt. Vielmehr sollte im Einzelfall durch eine Labordiagnostik geprüft
werden, welche Mikronährstoffe fehlen. Aufgrund der Laborergebnisse ist
dann eine gezielte und individuelle Supplementierung möglich.
In einem ganzheitlichen Therapiekonzept kommen neben dem Ausgleich von Mikronährstoffdefiziten
selbstverständlich auch andere Therapieformen zum Tragen, wie z.B. diätetische
Maßnahmen, eine Entgiftung von Schwermetallen, Xenobiotika und Infektrückständen.
Wichtig kann auch eine Darmsanierung sein; unbedingt erforderlich ist eine qualifizierte
psychologische Betreuung.
Fallbeispiele
Zum Schluss sollen noch drei Fallbeispiele aus der HG Naturklinik Michelrieth vorgestellt werden.
Fall 1
13-jähriger Junge mit Diagnose: ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche.
Der Junge konnte sich schlecht konzentrieren, klagte über Müdigkeit
und Lustlosigkeit. Dadurch traten Probleme in der Schule auf, die Versetzung
war gefährdet.
Im Mikronährstoffprofil zeigten sich Mängel an Selen, Kupfer, Zink,
Mangan, Chrom, Vitamin B2 und C. Durch die regelmäßige Einname der
fehlenden Mikronährstoffe wurde der Junge deutlich konzentrierter in der
Schule, die Leistungen verbesserten sich bereits nach einigen Wochen. Er nahm
die Mikronährstoffe relativ konsequent ein. Wenn er sie wegließ, merkte
er, dass er wieder unkonzentrierter wurde und die Noten schlechter ausfielen.
Fall 2
11-jähriger Junge mit ADHS und Legasthenie
Es bestanden starke schulische Probleme, weshalb in der Grundschule die dritte Klasse wiederholt werden musste. In der fünften Klasse traten erneut Schwierigkeiten auf, erst dann wurde die Diagnose ADHS gestellt. Im Mikronährstoffprofil waren die Aminosäuren sehr niedrig, vor allem Cystein und Lysin sowie Glutamin, Alanin, Taurin und Valin. Außerdem waren Vitamin C, Selen, Magnesium und Eisen defizitär. Nach dreimonatiger Einnahme der Mikronährstoffe zeigten sich eine deutliche psychische Stabilisierung, erhöhte Konzentrationsfähigkeit sowie eine Verbesserung der schulischen Leistungen. Auch er bemerkte einen Leistungsabfall, wenn er einige Wochen die Mikronährstoffe nicht einnahm. Bei der Kontrolluntersuchung hatten sich die Aminosäurekonzentrationen gebessert, ein Glutaminmangel war aber noch nachweisbar.
Fall 3
11-jähriges Mädchen mit ADHS-Symptomatik
Es bestanden erhebliche Konzentrationsstörungen mit sehr wechselhaften
Schulleistungen; die Versetzung in die 6. Klasse war gefährdet. Im Mikronährstoffprofil
zeigte sich ein leichter Mangel an Magnesium, Zink, und Vitamin A. Neben den
fehlenden Mikronährstoffen wurden auch Algenpräparate verordnet, außerdem
wurde bei dem Mädchen eine Toxinausleitung nach dem BEST-System durchgeführt.
Nach zwei Monaten hatte sich der Zustand deutlich gebessert, das Mädchen
konnte in die 6. Klasse versetzt werden; die schulischen Leistungen verbesserten
sich erheblich. Sie nahm regelmäßig ein Mikronährstoffpräparat
ein. Der geplante Termin beim Kinderpsychiater konnte deshalb abgesagt werden.
Die 7. Klasse wurde von ihr sehr gut bewältigt, es gab keine Probleme mehr.