Mindert Fleischgenuss die Intelligenz?

aus „Vegetarisch Genießen”, Ausgabe 1/2005

Internationale Studien haben ergeben, dass Fleischgenuss nicht nur der Gesundheit schadet und an der Entstehung von Krebs, Gicht, Diabetes, Herzinfarkt und anderen Zivilisationskrankheiten beteiligt ist, sondern dass die Inhaltsstoffe in Fleisch und Wurst auch die Hirnfunktionen des Menschen negativ beeinflussen und z.B. die Alzheimer- Krankheit auslösen können.

Veg: Herr Dr. Kugler, Dr. Greenwood von der Universität of Toronto sagte einmal, dass tierische Fette nicht nur zu Herzkrankheiten führen können, sondern sogar zu einer Art vorzeitigen Senilität. Mindert Fleischessen die Intelligenz, oder hat hier Dr. Greenwood ziemlich übertrieben?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Hat er nicht. Internationale Studien haben ergeben, dass Fleischgenuss nicht nur der Gesundheit schadet und an der Entstehung von Krebs, Gicht, Diabetes, Herzinfarkt und anderen Zivilisationskrankheiten beteiligt ist, sondern dass die Inhaltsstoffe in Fleisch und Wurst auch die Hirnfunktion des Menschen negativ beeinflussen und z.B. die Alzheimer-Krankheit auslösen können.

Veg: Warum ist das der Öffentlichkeit nicht bekannt?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Die Aufklärung für Gesundheit hat wohl keine Lobby wie die Fleischwirtschaft, die immer noch mit dem Slogan wirbt, dass Fleisch ein Stück Lebenskraft sei, was ja auch stimmt - aber nur solange es lebt. Tot ist es nun mal ein Leichenteil.

In Amerika wird viel mehr auch für die mentale Gesundheit getan. Die Amerikaner haben gemerkt, dass ein vitaler Körper ohne ein vitales Gehirn wenig Nutzen bringt. Es gibt dort bereits Gedächtnis-Zentren nach dem Muster von Herz-Zentren, um der Degeneration des Gehirns vorzubeugen. Die Ernährungsmedizin in der Neurologie steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber es gibt doch schon eine Reihe erstaunlicher Erkenntnisse.

Veg: Gibt es also Untersuchungen, die belegen, dass Fleischkonsum das Gehirn beeinträchtigt?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: In einer Studie wurden über 2000 in den USA lebende Afrikaner mit über 2000 Nigerianern verglichen, die in ihrem Heimatland lebten. Die Vergleichsgruppe hatte also dieselben genetischen Voraussetzungen bei unterschiedlichen Lebens- und Ernährungsbedingungen. Das Ergebnis: Die in den USA lebenden Afrikaner hatten ein 2,4 fach höheres Risiko für die Alzheimer-Erkrankung als die in Nigeria lebende Vergleichsgruppe.(1)

Veg: Und was war die Ursache?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Als Erklärung für dieses deutliche Ergebnis wird die unterschiedliche Ernährung beider Personengruppen angenommen: Die Nigerianer, die ein geringes Risiko haben, zu erkranken, ernähren sich vorwiegend vegetarisch!

Veg: Überrascht Sie das?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Keineswegs! Für den Mediziner ist dieses Studienergebnis leicht nachvollziehbar. Als Risikofaktoren für Alzheimer sind bekannt: eine hohe Cholesterinzufuhr, eine fettreiche, säurebildende Ernährung, ein hoher Zuckerkonsum und eine hohe Proteinzufuhr aus Tierprodukten sowie der hohe Anteil an gesättigten Fettsäuren in der Ernährung. Die meisten dieser Risikofaktoren betreffen den Fleischkonsum!

Veg: Das klingt einleuchtend. Gibt es noch andere Studien zu diesem Thema?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Bereits auf dem Alzheimer-Weltkongress 2000 wurde über eine Studie an 5400 Menschen über 55 Jahre berichtet. Die Studie hatte ergeben, dass Personen, die keine Anzeichen von Alzheimer aufwiesen, einen hohen Konsum pflanzlicher Nahrungsmittel hatten.(2)
Untersuchungen aus den 80er-Jahren hatten übrigens gezeigt, dass eine proteinreiche Ernährung wie die Fleischkost zu einem Cortisolanstieg im Blutplasma und Speichel führt. Chronisch erhöhte Cortisol-Konzentrationen schädigen den Hippocampus, was zu einer deutlichen Verschlechterung der Merkfähigkeit und des Gedächtnisses führt.(3)

Veg: Aber wird mit dem Alter nicht automatisch das Gedächtnis schlechter, d.h. die Gehirnaktivität schwächer - mit oder ohne Fleischkonsum?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Das stimmt so nicht. Man ist mit dem Alter nicht automatisch einem Gehirnzellenabbau ausgeliefert, wie man früher dachte. Das Gehirn ist mehr als eine funktionierende Maschine oder wie ein Computer. Es ist ein komplexes Gewebe, ein Super-Organ, flexibel und formbar durch innere und äußere Einflüsse. Es kann ständig neue Kommunikationswege aufbauen. Auch im Alter! Man baut im Alter nicht automatisch ab! In gesunden alternden Gehirnen ist der Verlust von Neuronen in den wichtigen Bereichen minimal. Allerdings kann es im Alter Spannungsunterversorgungen geben, die Schaltkreise funktionieren weniger effizient. Aber das kann man beeinflussen bzw. dem vorbeugen. (4)

Veg: Wenn das stimmt, dass Fleischkonsum unsere Gehirnfunktionen beeinträchtigen kann, dann müsste das doch nicht nur alte Menschen treffen.

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Richtig. Rund 90% der Dioxine, Furane und polychlorierten Biphenyle (PCB) werden mit tierischen Nahrungsmitteln aufgenommen. Grundsätzlich reichern sich Umweltgifte bevorzugt im Fettgewebe an. Das menschliche Gehirn hat einen Fettanteil von über 50% und ist deshalb auch ein beliebtes Depot für Umweltgifte. Viele Umweltgifte sind neurotoxisch, was besonders das Lernvermögen bei Kindern beeinträchtigt. (5)

Veg: Wer also Fleisch isst, ist in jedem Falle - ob alt oder jung - der Dumme?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Sie werden es mir vielleicht nicht glauben, aber nach einer Studie der Universität of Florida an 7500 Haushalten korreliert der Bildungsgrad tatsächlich mit dem Rindfleischkonsum: Die Personen mit dem niedrigsten Bildungsgrad aßen das meiste Rindfleisch. Je gebildeter ein Mensch war, desto geringer war der Rindfleischkonsum! (6)

Veg: Heißt das jetzt, intelligente Menschen essen kein Fleisch, oder durch den Fleischkonsum leidet die Intelligenz?

Dr. med. Hans-Günter Kugler: Wahrscheinlich stimmt beides...

 

Quellen

1) Publikation in JAMA vom 14.02.01 und Kommentar in The Guardian vom 17.02.01
2) Alzheimer Weltkongress 2000
3-6) Studien in Metabolism. 1981 Nov.
J. Clin Endocrinol. Metab 1983, Dec.
Life Sci 1987 May
Life Sci 1986
Psychosomatic Medicine, 61, 1999
Bol Asoc Med PR 1998
Physiol Bhav 2000 Aug-Sep