Fleischesser sollten Risikozuschlag zahlen
aus Vegetarisch genießen, Heft 2/06
Bereits eine Umstellung auf vegetarische und tiereiweiß-arme Kost kann Krankheiten heilen, so der leitende Arzt der HG Naturklinik in Michelrieth. Da fragt man sich, warum nicht alle Krankenhäuser und Kliniken auf vegetarische Kost umstellen.
Veg: Herr Dr. Schneider, bei Ihnen in der HG Naturklinik gibt es für alle Patienten vegetarisches Essen. Handelt es sich um eine Klinik, die nur für Vegetarier gedacht ist?
Dr. med. Schneider: Nein, auf keinen Fall. Ist ein Patient bereits Vegetarier, schätzt er es sehr, dass es bei uns in der HG Naturklinik ein hervorragendes vegetarisches Essen gibt. Aber es kommen sehr viele Patienten ins Haus, die sonst ganz normale Mischkost essen und dann bei uns erleben, dass die vegetarische Ernährung sehr vielseitig ist und man ausgezeichnet vegetarisch kochen und essen kann. Sie vermissen im Allgemeinen das Fleisch überhaupt nicht. Das ist für viele ein neues Erlebnis.
Veg: Warum bieten Sie denn ausschließlich vegetarische Kost an?
Dr. med. Schneider: Es sind zwei Gründe: Der erste ist ein ethischer Grund, denn wir sind eine Naturklinik. Als Naturklinik sind wir auch der Natur und der Umwelt verpflichtet. Wir sind der Ansicht, dass der Mensch als Teil der Natur nur dann gesund werden kann, wenn er wieder mehr und mehr im Einklang mit der Natur lebt. Und man kann auch nicht sagen: Ich werde gesund, ich werde glücklich, ich werde froh, wenn dies auf der Basis von Tod, von Mord, von Leid, von Schmerzen aufgebaut ist. Das ist der ethische Grund. Der zweite Grund ist ein rein gesundheitlicher. In den letzten Jahren wurde weltweit eine Reihe von Studien veröffentlicht, die eindeutig und zweifelsfrei belegt, dass die vegetarische Ernährung nicht nur die wesentlich gesündere Ernährung ist, sondern dass die Fleischernährung richtiggehend krank macht und für viele Erkrankungen Ursache oder Mitursache ist.
Veg: Wenn ein Mensch das Fleisch weglässt, bessern sich dann solche Erkrankungen? Können Sie einige Beispiele und Beobachtungen aus Ihrer Klinik nennen, die mit dem Fleischgenuss in Zusammenhang stehen?
Dr. med. Schneider: Es gibt viele Aspekte, die mittlerweile gesichert sind. Bekannt ist z.B., dass der Darmkrebs, der Dickdarmkrebs, nicht unwesentlich mit dem Fleischkonsum in Verbindung steht. Der Diabetes, die Zuckerkrankheit, hängt eng mit dem Fleischkonsum zusammen, und auch viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind auf den Fleischkonsum zurückzuführen. Was gar nicht so bekannt ist, aber vielleicht am offensichtlichsten mit dem Fleischkonsum korreliert, sind Schmerzzustände, z.B. an den Gelenken verursacht durch die Arthrose, eine so genannte degenerative Gelenkserkrankung; oder Gelenksentzündungen wie Arthritis oder Rheuma. Auch die Osteoporose ist wesentlich durch den Konsum tierischen Eiweißes mit verursacht. Man macht in vielen dieser Fälle die Erfahrung, dass allein durch das Weglassen des tierischen Eiweißes innerhalb von relativ kurzer Zeit, oft schon innerhalb von 1-2 Wochen, eine deutliche Schmerzminderung stattfinden kann.
Veg: Es kommen also Patienten in die HG Naturklinik, deren Beschwerden sich allein durch die Ernährungsumstellung bessern oder ganz verschwinden?
Dr. med. Schneider: Das ist richtig. In vielen Fällen ist allein die Umstellung der Ernährung auf eine vegetarische Kost, oft auch eine Umstellung auf eine tiereiweißfreie Ernährung, der Grund für eine Schmerzlinderung oder eine Verbesserung des Krankheitszustandes.
Veg: Ist das eine eher subjektive Empfindung der Patienten, oder kann man mit Laborwerten nachweisen, ob tatsächlich eine Besserung eingetreten ist?
Dr. med. Schneider: Schmerzen sind eigentlich immer ein subjektives Empfinden. Denn jeder Mensch erlebt seine Schmerzen anders und hat auch ein anderes Schmerzempfinden, ein anderes Schmerzbewusstsein und eine andere Schmerzschwelle, so dass letztendlich die Aussage: „Ich habe weniger Schmerzen“ immer subjektiv ist. Für jemanden, der Schmerzen hat oder permanent unter großen Schmerzen leidet, bedeutet „Ich habe jetzt weniger Schmerzen“ oder „Ich habe fast keine Schmerzen mehr“ viel mehr als jeder objektive Parameter.
Zum anderen: Es gibt auch einige Labor-Parameter, die bei Entzündungen erhöht sind. Einer davon ist das high sensitive CRP, das eine unterschwellige chronische Entzündung anzeigt. Diese schwelende Entzündung im Körper ist, wie man heute weiß, eine der Hauptursachen für so genannte Zivilisationskrankheiten, wie z.B. Arthrose, Diabetes, koronare Herzerkrankungen, Durchblutungsstörungen bis hin zum Herzinfarkt. Und dieses CRP lässt sich oft allein durch die Umstellung der Ernährung deutlich senken. Wir haben etliche Patienten, bei denen man sagen kann, nur die Umstellung der Ernährung auf vegetarische Kost und mit wenig tierischen Produkten hat bereits eine Verbesserung oder gar Normalisierung dieses CRP-Wertes gebracht.
Veg: Sie bedienen sich in der HG Naturklinik Michelrieth ja auch spezieller Diagnose-Methoden, die in der Schulmedizin nicht üblich sind. Ich denke an die Dunkelfeld-Mikroskopie und den Blutausstrich-Test. Was kann mit diesen Methoden festgestellt werden?
Dr. med. Schneider: Mit dem Blutausstrichtest und der Dunkelfeld-Vitalblut-Mikroskopie kann man sehr gut den Gesamtzustand des Körpers beurteilen. Man sieht, wie das Milieu beschaffen ist und wo die Schwachpunkte liegen. Man kann z.B. schwelende Entzündungen feststellen, eventuell Hinweise auf Infekte. Dieser Test kann auch die Fragen beantworten, ob eine Eiweißbelastung vorhanden ist und welche Organe hauptsächlich betroffen sein können. Geht das Milieu in Richtung „allergisch“ oder z.B. in Richtung „rheumatisch“? Gegebenenfalls gibt es im Blutausstrichtest auch Hinweise auf Tumorerkrankungen. Stärker als ein normaler Laborwert geben diese Tests den Zustand des Gesamtmilieus des Körpers an.
Veg: Wie wird der Test genau gemacht?
Dr. med. Schneider: Beim Blutausstrichtest wird ein Blutstropfen aus der Fingerbeere genommen und auf einen Objektträger aufgetragen. Dieser Blutstropfen wird sodann mit einem anderen Objektträger flach über den ganzen Objektträger ausgestrichen. Das ganze trocknet und wird anschließend unter dem Mikroskop untersucht und anhand von verschiedensten Kriterien beurteilt. Diese Auswertung gibt dann den Ärzten und Therapeuten wesentliche Aufschlüsse und Hinweise.
Veg: Und was ist die Dunkelfeld-Mikroskopie?
Dr. med. Schneider: Bei der Dunkelfeld-Vitalblut-Mikroskopie wird das Blut im vitalen Zustand unmittelbar aus der Fingerbeere auf den Objektträger gegeben und angesehen. Man kann dabei sehr gut den Zustand des Serums und den Zustand der roten Blutkörperchen erkennen: Ob z.B. Kristalle vorhanden sind, wie der Gerinnungsstatus ist, ob das Blut zäh oder gutflüssig oder in welchem Zustand das Immunsystem ist. Anhand spezieller Mikroorganismen im Blut kann man abschätzen, wie der Belastungsgrad des Immunsystems ist, ob sich etwas Entzündliches oder sogar etwas Krebsartiges bilden kann. So wird das Blut beim Dunkelfeld-Test nach bestimmten Kriterien untersucht. Beide Untersuchungen zusammen, die Dunkelfeld-Mikroskopie und der Blutausstrichtest, geben uns sehr, sehr wertvolle Hinweise, was im Körper tatsächlich abläuft.
Veg: Wenn ein Patient der HG Naturklinik einige Zeit fleischlose Kost zu sich genommen hat, kann man bei diesen Untersuchungen eine Veränderung des Milieus feststellen?
Dr. med. Schneider: Da haben wir nicht nur Einzelfälle, sondern es ist die Regel, dass man zwischen dem Zustand gleich nach der Anreise und später, nachdem der Patient einige Zeit die fleischlose Küche genossen hat, einen unglaublichen Unterschied sieht. Ein Großteil der Verschlackungen, der Ablagerungen, der Entzündungen im Körper haben nachgelassen. Das Blut hat oftmals wieder mehr Energie, weniger Klebstoffe, es fließt besser, die Ablagerungen z.B. an den Gefäßwänden oder in den Organen sind wesentlich geringer. Auch die Belastung mit Mikroorganismen ist geringer. Es ist teilweise ein wirklich unglaublicher Unterschied.
Veg: Wie können Sie sicher sein, dass diese Veränderung der Testergebnisse tatsächlich auf die Ernährungsumstellung zurückzuführen ist und nicht auch die Folge von Therapien ist, die gleichzeitig durchgeführt werden.
Dr. med. Schneider: Wir haben viele Besucher, die ausschließlich zum Zweck einer Ernährungsumstellung zu uns kommen. Sie möchten lernen, sich gut und richtig vegetarisch zu ernähren, und eine ausgewogene, gesunde Kost kennenlernen. Da kann man jeweils sehr gut feststellen, dass die Veränderung allein auf die Nahrungsumstellung zurückzuführen ist.
Veg: Wenn man allein durch die Nahrungsumstellung solche Ergebnisse erzielen kann, und internationale Untersuchungen Ihre Erfahrungen bestätigen, fragt man sich, warum die vegetarische und tiereiweißarme Ernährung nicht in allen Kliniken Pflicht ist.
Dr. med. Schneider: Das ist eine gute Frage. Warum in herkömmlichen Einrichtungen Fleischkost ausgegeben wird, kann man mit medizinischen Fakten nicht begründen. Eigentlich ist die Wissenslage so, dass eine Basisernährung unbedingt eine vegetarische Ernährung sein sollte, besonders in Krankenhäusern und Kliniken. Wenn man heute sogar weiß, dass die Fleischkost krank macht, dann ist es ja fast schon ein tätlicher Angriff, wenn man trotz besseren Wissens Fleischnahrung anbietet - gerade bei Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nach Operationen. Es ist eigentlich nicht so ganz nachzuvollziehen. Eine Erklärung könnte sein, dass es manchmal schwierig ist, durch solche neuen Erkenntnisse alte, teilweise Jahrhunderte alte Dogmen und Traditionen zu ersetzen. Vielleicht auch, weil Vorlieben und Gewohnheiten im Moment noch vor dem gesundheitlichen Nutzen Vorrang haben.
Veg: Kann man davon ausgehen, dass dies in einigen Jahren vielleicht bereits anders sein wird und sich die Ernährung in Krankenhäusern an die aktuelle wissenschaftliche Sachlage anpasst?
Dr. med. Schneider: Es wäre zu hoffen. Ich würde jedenfalls diese Zukunftsvision absolut unterstützen. Denn es wäre sowohl für die Ärzte, als auch für die Patienten, ja für das ganze Gesundheitssystem von Vorteil. Alle würden davon profitieren. Nicht zuletzt auch die Krankenkassen. Es würden Milliardenbeträge gespart, allein dadurch, dass man die vegetarische Ernährung in allen Krankenhäusern als Basis-Ernährung anbieten würde. Profitieren würden natürlich auch die Tiere, an die viele Menschen beim Fleischverzehr überhaupt nicht denken. Mit den ersparten Milliarden könnte man ihnen als Wiedergutmachung große Biotope anlegen und sie endlich als das behandeln, was sie sind: Unsere Mitgeschöpfe auf dieser Erde.
Veg: Wäre es nicht auch gerechtfertigt, dass, bis es soweit ist, man als Vegetarier geringere Krankenkassenbeiträge zahlen sollte?
Dr. med. Schneider: Ich würde es eher so sagen: Nicht-Vegetarier sollten Zuschläge zahlen. Das Bessere, das Gesunde, sollte die Norm sein, nicht umgekehrt. Wie auch jemand, der einen Risikosport betreibt, oder ein Raucher einen Zuschlag zahlen sollte, sollte auch jemand, der eines der größten gesundheitlichen Risiken jeden Tag eingeht, nämlich Fleisch zu essen, einen solchen Risiko-Zuschlag zahlen.
Veg: Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass die HG Naturklinik auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle eingenommen hat, die viele Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Aus welchen Ländern kommen Ihre Patienten?
Dr. med. Schneider: Sie kommen inzwischen aus über 50 Ländern. Viele unserer Mitarbeiter beherrschen mehrere Sprachen und können gegebenenfalls übersetzen. Die Patienten kommen aus ganz Europa, aber auch aus Südamerika, aus Nordamerika, aus Australien, aus dem arabischen Raum, aus Indien, aus Russland... also aus allen Kontinenten und allen Volksgruppen.
Veg: Vor kurzem ist der slowenische Präsident Dr. Janez Drnovsek wegen einer Aussage in die Schlagzeilen der Presse geraten. Er sagte: „Ändert der Mensch sein Leben zum Positiven dadurch, dass er seine inneren und äußeren Konflikte in seinem Leben und mit seiner Umgebung löst, so dass er mit seinen Mitmenschen, mit der Natur und den Tieren in Frieden lebt, dann kann er seine Krankheit aus seinem Kopf verbannen. Er wird körperlich gesünder oder gesund, diese Erfahrung mache ich. Ich hoffe, dass es noch viele Menschen geben wird, die es begreifen werden.“
Darauf entgegnete ihm ausgerechnet der Präsident der Ärztekammer, Dr. Dr. med. Poredos, Folgendes: „Herr Präsident, eine Änderung des Lebens zu einer positiveren Einstellung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, den Tieren und zur Natur ist kein Automatismus für die körperliche Gesundung des Menschen - so wie sie behaupten. Ihre Äußerung finde ich nicht gut und rufe alle Menschen auf, stattdessen dem Rat der Mediziner voll Folge zu leisten.“
Wie ist ihre Stellungnahme zu diesen zwei Zitaten?
Dr. med. Schneider: Unsere Erfahrung gibt dem slowenischen Präsidenten recht. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass die Denk- und Verhaltensweise, der Tagesablauf und die Lebensumstände einen wesentlichen Anteil an der Erkrankung haben und dementsprechend auch mit entscheidend sind für Gesundheit und Krankheit. Eine Änderung der Lebenseinstellung hin zum Positiven bedeutet weniger Stress, und das bedeutet weniger Störungen im Immunsystem. Diese Zusammenhänge zwischen Psyche, Lebenseinstellung und Immunsystem sind mehr als bekannt und gängige Praxis. Ohne eine Veränderung in der Denk- und Lebensweise kann man nicht gesund werden. Das weiß auch die Schulmedizin, deshalb ist mir ehrlich gesagt die Aussage dieses Ärztekammer-Präsidenten nicht ganz verständlich. In Deutschland jedenfalls ist es so, dass die Rehabilitations- und auch die Behandlungskonzepte von Krankheiten voll und ganz auf die Eigenaktivität der Patienten abgestimmt sind. Wofür macht man dann die Analyse von Risikofaktoren? Beim Diabetes z.B., um eben diese Risikofaktoren auch in der eigenen Lebensgestaltung abzubauen. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch bei Diabetes weiß man, dass die Stressbewältigung eine ganz große Rolle spielt. Nicht nur der berufliche Stress, sondern auch Unbewältigtes im privaten Bereich. Diese Dinge gehören zum Standard der Medizin. Es kann sein, dass sich der Staatspräsident von Slowenien vielleicht etwas pointiert ausgedrückt hat, aber das ist eben seine Erfahrung und somit seine Überzeugung. Ich finde, es steht uns nicht zu, jemandem seine Erfahrungen abzusprechen.
Die Erfahrung, dass die Änderung der Lebens- und Denkweise einen sehr großen Einfluss auf die Gesundung hat, ist bei uns Alltag. Wir arbeiten in der HG Naturklinik Michelrieth nicht umsonst nach dem Grundsatz „Ganzheitsheilung für Seele und Körper“, denn ohne die Bewältigung der Konflikte, die man in seinem Leben hat, die einen in Spannung, in Ängste und in Sorge bringen, kann man nicht gesund werden. Eine Lösung der Stressfaktoren, der Abhängigkeiten, der Konflikte im Leben macht freier, glücklicher, zufriedener – und nicht zuletzt auch gesünder.
Veg: Vielen Dank für das Gespräch.
